lalalaladebalken
Jun 6, 2017

Fünf vor zwölf

Es ist 23:15 Uhr, am 6.6.2017. In genau 45 Minuten werde ich ein Jahr älter. Man könnte sagen, es ist kurz vor knapp. Was macht man so kurz bevor sich das vergangene Lebensjahr zum Ende neigt? Dinge revue passieren lassen? Oder denkt man gar nicht darüber nach.

Ich hasse Geburtstage.

Mit Geburtstagen ist es bei mir wie mit Silvester. Es passiert immer genau das Gleiche wie im Vorjahr. Silvester steht immer eine Katastrophe an, die mich direkt im neuen Jahr auf die Schnauze fliegen lässt und an meinem Geburtstag bin ich für gewöhnlich allein. Nicht, weil ich es provoziere, sondern weil irgendwie immer alles dazu führt, dass ich allein bin. Deshalb bin ich meistens froh, wenn der Tag vorüber ist.

Als Kind konnte ich es immer kaum erwarten morgens aufzustehen und in meinem Schlafanzug, die schwere Türe zu unserem Esszimmer aufzuschieben, in dem dann meine Eltern und mein Bruder zusammen mit meinem Opa in ein jämmerliches „Zum Geburtstag viel Glück“ einstimmten. Ein kleiner Berg Geschenke, Holzzahlen und eine Kerze.

Ich hatte die besten Geburtstagsmorgen.

Gerade heute hat mich meine Mama gefragt „und? Wie machen wir das morgen mit deinem Geburtstagstisch?“ und ich so „keine Ahnung“. Keine Ahnung, weil sich bereits jetzt die altbekannte Melancholie einstellt, die ich morgen den ganzen Tag zu überdecken versuchen werde.

23:20 Uhr. Noch 40 Minuten. Ich versuche jede Sekunde meines noch 25-jährigen Ichs zu streicheln und zu lieben. Für alles, was es das letzte Jahr über erlebt und erreicht hat. Ich bin stolz auf mich. Dennoch fühle ich mich seltsam. Komplett schwerelos und gleichzeitig tonnenschwer.

Eigentlich, mag ich meinen Geburtstag aber es gibt da jemanden, den ich seit Jahren vermisse. Das ist ein Jemand, der sich so für mich freut wie niemand sonst. Das ist ein Jemand, der sich überlegt, wie er mir den Tag zu dem besonderen 24-stündigen Augenblick machen kann, der er ist. Das ist ein Jemand, mit dem ich jetzt in unserem Bett sitzen und auf zwölf Uhr warten würde.

Ich mag keine Menschen, weil sie erinnern mich daran, dass ich sie gerne lieben würde, wenn ich könnte.

In den letzten zwei, drei Tagen wurde ich gefragt „und? Hast du Geburtstagswünsche?“, worauf ich jedes Mal mit völliger Überzeugung „nein, ich habe alles, was ich brauche. Mir geht es so gut wie schon lange nicht mehr.“ geantwortet habe. Ungelogen. Mir steht ein völlig neues Leben bevor. Ich gehe nach Hamburg, mein Studium ist fertig, ich fange einen Traumjob an, ziehe in eine tolle Wohnung und habe sogar jetzt schon Kontakte geknüpft. Mir fällt Einschlafen schwer, weil ich so euphorisch bin.

Ich bin unfassbar glücklich und stolz auf mich und alles, was ich letztes Jahr geschafft habe, woran ich gescheitert und gewachsen bin und vor allem, in welche Richtung ich meine Gedanken lenken konnte. Dennoch habe ich nur einen Wunsch. Ich möchte das alles irgendwann mit jemandem teilen, der seine ganze Welt auch nur mit mir in diesem Ausmaß teilen will.

Der Melancholie, Romantik und Schnulzerei frönend, ist es jetzt 23:30 Uhr und es fühlt sich trotzdem an, wie fünf vor zwölf. Ich trinke auf mich, weil irgendwie bin ich cooler als ich immer dachte und nehme Abschied von meinem 25-jährigen Ich: Lass dich drücken, ich bin echt stolz auf dich. Happy birthday.