lalalaladebalken
Mrz 30, 2019

Das Spatzenhirn

Aus dem Leben eines Spatzenhirns.

Es ist früh morgens und ich schlage meine Augen auf. Mit einem herzhaften Gähnen greife ich nach der Schwipp Schwapp-Flasche, die noch von gestern neben meinem Bett steht. Als ich meinen nackten Körper aus dem Bett wuchte, knarzt das Gestell bedrohlich. Schon beim ersten Schritt nach vorne schleife ich eine leere Energy-Drink Dose und ein benutztes Taschentuch mit, das aus irgendeinem Grund an meinem Fuß klebt. Ah nein. Ich weiß wieso. Höhö.

Affig grinse ich mich im Spiegel an und finde mich super und unwiderstehlich. Seit vier Wochen gehe ich ins Fitnessstudio pumpen, um meinen gottgleichen Körper zu stählen. Nachdem ich ausgiebig gepost und meine Hüfte ein paar Mal hin- und her geschwungen habe, fische ich eine getragene Boxershorts vom Boden und rieche daran. Igitt. Zur Sicherheit rieche ich nochmal daran und finde es immer noch eklig. Die zweite geht noch. Deshalb drehe ich sie auf links und schlüpfe hinein. Mutti wäre stolz.

Zum Frühstück gibt’s erst mal eine schöne Dose Monster-Energydrink. Beim Blick auf die Uhr bekomme ich einen Schock: 13:30 Uhr?! Eigentlich wollte ich viel länger schlafen. Noch voll früh.

Gelangweilt ziehe ich mein Smartphone hervor und Swipe durch Tinder. Geil. Geil. Geil. Fett. Hässlich. Würde ich ficken. Geil. Hammer. Boah! Titten! Ich könnte das wirklich den ganzen Tag machen. Diese ganzen bedürftigen Single-Ladies die nur auf mich warten. Aber irgendwie bekomme ich nie ein Match. Komisch. Beim Anblick auf meine fünf Bilder mit verspiegelter Sonnenbrille, oben ohne und dem Close-up auf mein Doppelkinn, verstehe ich das auch gar nicht. Auch bei dem Spruch „kein bock auf ne Ische, will nur bumsen“ hatte ich mir wirklich Mühe gegeben.

Ich beschließe zu meinem best Buddy an den Hauptbahnhof zu fahren, schlüpfe in meine bequemste Jogginghose und streife ein viel zu großes Unterhemd über meinen schmächtigen Oberkörper. Weil da sieht man meine Nippel so neckisch. Ich liebe es, wenn die Ladies das sehen, da werden die immer ganz nervös. Kurz bevor ich meine Wohnung verlasse, lege ich noch drei Schichten AXE auf und sprühe mich mit meinem Davidoff Parfum ein.

Als ich kurz darauf in der U-Bahn sitze und überlaut schlecht produzierte Techno-Musik höre, steigt eine junge Lady ein und setzt sich mir gegenüber. Instant abgecheckt. Die ist geil, würde ich ficken. Sie bemerkt wohl meinen Blick und schaut mir kurz in die Augen bevor sie schnell aus dem Fenster sieht. Das ist ganz schön hot. Sie muss sich doch nicht schämen, nur weil sie mich toll findet. Lässig sitze ich noch breitbeiniger auf meinen Sitz und gaffe sie in der Spiegelung des U-Bahnfensters an.

Diese Lippen würden bestimmt sonst was mit mir anstellen wollen. Das sehe ich. Das weiß ich. Sie will es und ich auch. Ich versuche ihren Blick im Fenster zu erwischen, schaffe es aber nicht. Leider muss ich bei der nächsten Station raus und hoffe, dass sie nicht allzu enttäuscht ist wenn ich jetzt gehe.

Als ich die Straße zum Alsterufer entlanglaufe, fällt mir eine andere Lady ins Auge. Die sieht aus wie eine, die jemanden wie mich echt dringend braucht. Sie trägt ein knielanges Sommerkleid und ihre langen, rot-blonden Haare liegen ihr offen über den Schultern. Beim Blick auf ihren Körper wird mir gleich ganz anders. Sie trägt Tattoos! Jede Menge sogar! Geil. Die muss es ja wirklich richtig brauchen. Immerhin sind alle tätowierten Frauen notgeile Stücke die nur darum betteln von mir bestiegen zu werden.

Selbstsicheren Schrittes gehe ich auf sie zu und spreche sie von hinten an. Die Kleine ziert sich, denn sie reagiert nicht. Könnte auch an den großen schwarzen Bose-Kopfhörern liegen, die offensichtlich dafür sorgen, dass sie nichts mitbekommt. Aber ich rede munter weiter auf sie ein und mache ihr jede Menge unwiderstehliche Komplimente für ihren Hammer Body. Irgendwann wird sie auf mich aufmerksam und tut so, als würde sie erschrecken. Geil. Mein Wortschwall bricht weiter über sie herein, ich werfe mit charmanten Fakten wie meinem Vornamen, meinem Beziehungsstand und sogar meinem offenen Interesse an ihr um mich.

Aus einem mir unbekannten Grund beschleunigt sie ihren Schritt und setzt ihre Kopfhörer wieder auf. Ungläubig plappere ich weiter und verfolge sie etwa fünf Minuten, bis es mir zu blöd wird und ich sie am Arm packe. Leicht zornig verlange ich, dass sie mir ihre Nummer gibt, während ich ihr körperlich auch immer näher komme. Manche Ladies brauchen das. Den Körperkontakt. Ungestüm will ich sie küssen, erwische aber nur ihre Wange.

Kann ja wohl nicht wahr sein, dass die mich nicht ficken will. Wo ich doch so ein Hengst bin.

 


Dies ist eine fiktive Geschichte, die aus verschiedenen so oder so ähnlichen Erlebnissen und Beobachtungen zusammengesetzt wurde. Klischeedenken ist einfach. Schublade auf. Schublade zu. Schloss dran. Stempel drauf. Kann ich auch. Funktioniert nämlich auch andersrum. Nicht so geil, oder?

So und nicht anders stelle ich mir vor, warum jemand so etwas tut und was in solchen Menschen vorgeht.

Sexuelle Belästigung ist eine ernstzunehmende Angelegenheit. Nicht jede/r Betroffene kann sich aktiv zur Wehr setzen und ist deshalb auf Hilfe von außen angewiesen. Oftmals hilft schon eine gezielte Frage an das Opfer oder wenn auch andere Menschen darauf aufmerksam gemacht werden.