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Apr 3, 2021

Der alte Mann und die Katze

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„Der alte Mann und die Katze“ anhören:

 

 

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„Der alte Mann und die Katze“ lesen:

 

Als Heinrich die Augen an diesem Morgen aufschlug, beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas fehlte.

Gegen den Impuls ankämpfend, einfach liegen zu bleiben, setzte er sich stöhnend auf und gähnte. Dann rieb er sich den Schlaf aus den Augen und griff zu seiner Brille, die auf dem Nachtkästchen lag. Sie war alt, und obwohl er die kleinen Schrauben oft mühevoll nachzog, rutschte sie ihm ständig auf die Nasenspitze. Er setzte sie auf und das Zimmer um ihn herum wurde scharf.

Kurz darauf stand er in Pantoffeln und seinem karierten Morgenrock in der viel zu kleinen Küche und goss Tee in seine Lieblingstasse. Ihr fehlte bereits der Henkel und der Lack war an manchen Stellen abgeplatzt. Doch das verlieh der Tasse Charakter – er selbst war auch nicht mehr der Jüngste. Als er einen Schluck nehmen wollte, spürte er eine Berührung am Bein und fuhr herum.

„Marianne!“ Er griff sich ans Herz und schaute zu der alten Katzendame hinunter. „Irgendwann bringst du mich noch um.“ Sich offenbar keiner Schuld bewusst, schmiegte sich die weiße Katze weiter an ihn. Unvermittelt dachte er an den Tag, an dem er diesen Ort das erste Mal betreten hatte. An den ersten Blick auf das kleine schiefe Haus irgendwo im Nirgendwo und die Stille, die es umgab. Es fühlte sich schon damals nach zu Hause an. Marianne war bereits hier und so begannen sie ihr Leben zu dritt – er, die Katze und die Stille.

„Wo warst du heute Nacht?“, fragte er vorwurfsvoll.

Ein leises Maunzen und ein Blick zu ihrem leeren Napf machten ihm klar, dass er wohl keine Antwort bekommen würde.

„Natürlich …“  Er verdrehte die Augen, nahm zwei kleine Konserven aus dem Schrank und ging in die Hocke. „Nun, wonach dünkt es euch, Mylady? Thunfisch? Oder heute vielleicht mal Hühnchen?“ Zielstrebig stupste sie die Dose mit dem Thunfisch an und er zog die Augenbrauchen hoch.

„Schon wieder?“ Ächzend richtete er sich auf und löffelte das penetrant riechende Futter auf einen Teller. Währenddessen jammerte sie, als wäre ihr Ende nah.

„Manchmal glaube ich, dass du gar keine Katze, sondern eine Ziege bist. Immer nur am Meckern.“ Seine Witze waren auch schon besser, dachte er, dass es sich bei Marianne in Wahrheit um eine Ziege handeln könnte, wäre dennoch möglich.

Kurz darauf trat er in den staubigen Vorgarten, atmete die Morgenluft ein und nahm auf seiner Sitzbank Platz. Vor ihm lag endlose Felslandschaft, die dank des vielen Sternenlichts beinahe wie Edelstein aussah. Das Gefühl, etwas verloren zu haben, ließ ihn dennoch nicht los. Suchend ließ er den Blick schweifen. Es war alles so, wie er es zurückgelassen hatte. Da hörte er es – das Geräusch gedämpfter Schritte hinter dem Haus und ihm wurde klar, was fehlte: die Stille. Sie war fort. Entsetzt fuhr er herum. Sein Puls raste, während er in seiner Not nach dem einzigen Gegenstand griff, den er finden konnte – die kleine rosarote Handschaufel, die seiner Frau gehört hatte. Wahrscheinlich würde der Anblick eines alten Mannes im Morgenrock, bewaffnet mit einer rosa Schaufel, den Eindringling eher dazu bringen, sich totzulachen, als die Flucht zu ergreifen. Aber es war besser als nichts. Die Schritte wurden lauter und eine Gestalt trat hinter dem Schuppen hervor. Heinrich hielt den Atem an und rückte zitternd seine Brille zurecht – so etwas hatte er noch nie gesehen. Das kalkweiße Wesen vor ihm sah aus wie ein riesiger aufgeblasener Mensch. Aus seinem Körper ragten Schläuche und der Kopf war kugelrund. Es bewegte sich in Zeitlupe auf ihn zu.

„K… k… keinen Schritt weiter!“, schrie er, streckte die Schaufel wie eine Waffe vor sich und kam sich dabei vor wie ein kleiner Junge. Sein Gegenüber hielt inne und fragte nicht weniger entsetzt: „Was tun Sie hier?“

Verdutzt antwortete er: „Ich wohne hier!“ Wäre er doch nur im Bett liegen geblieben.

„Ich bin Neil, Astronaut. Wer sind Sie?“

„Ich bin Heinrich. Ich bin der Mann im Mond.“

In diesem Moment blitzte hinter ihm der große, blaue Erdball auf.

Wenigstens das war so wie immer.